WELT AM SONNTAG: Aus dem RAHMEN

Ein kleiner Familienbetrieb hat sich mit Fenstern und Türen einen Weltruf erarbeitet. Was die reichen Kunden eint ist: Angst


Bahamablaue Infinity-Pools, Polsterlandschaften aus weißem Leder, Ferrari auf der Kiesvorfahrt: So etwas dürfte den meisten in den Sinn kommen, wenn sie sich eine Luxusvilla vorstellen. Wilhelm Korn hingegen denkt dabei in erster Linie an Fenster und Türen. Denn das ist sein Spezialgebiet, auf dem er es in 39 Jahren zu einer Perfektion gebracht hat, für die Menschen rund um den Erdball viel Geld bezahlen. Menschen wie Tom Hanks und Bon Jovi, Jil Sander und Gianni Versace, die Familien Otto, Oetker, Lürssen und viele andere. Sie alle schauen durch Fenster, die von einem kleinen Unternehmen im schleswig-holsteinischen Wedel gefertigt wurden, von Wilhelm Korn – dem Fenstermacher der Stars und Reichen.


VON STEFFEN FRÜNDT



Korn empfängt in seinem Büro in Wedel, Blick auf den Firmenparkplatz. Ein feingliedriger Mann mit blauer Strickjacke über dem weißen Hemd, der selbst dann noch bescheiden wirkt, wenn er Dinge sagt wie „allen Wettbewerbsprodukten überlegen“. Was er relativ häufig tut. Die Kronzeugen für Korns Superlative hängen an den Wänden. Baupläne, Visualisierungen und Fotos von riesigen Villen, Herrenhäusern, Schlössern, umgeben von ausgedehnten Parks oder Privatinseln. Keine geschmacklosen Angebervillen Marke James-Bond-Schurke, sondern ästhetisch anspruchsvolle Prachtbauten von Star-Architekten wie Gehry, Kollhoff oder Stern. Alles Korns Projekte.

„Fenster waren früher Statussymbole und Ausdruck guten Geschmacks. Im letzten Jahrhundert geriet das weitgehend in Vergessenheit, da ging es nur noch darum, die Löcher zu schließen“, erinnert sich Korn mit Schaudern an die Zeiten der Altbau-Kaputtsanierungen. „Das hat sich gewandelt. Heute beobachten wir wieder ein großes Interesse an schönen, stilvollen und dabei hoch funktionalen Fenstern.“ Während er redet, spielen seine Hände mit zwei kleinen Hölzern, die er immer wieder zu einem Kreuz zusammensteckt. „Das?“, sagt Korn auf Nachfrage. „Das ist die Sprosse 22. Damit fing alles an.“ 1946 gründete Cornelius Korn in Wedel eine kleine Tischlerei, die auf zwölf Mitarbeiter anwuchs. Sohn Wilhelm übernahm sie nach dem Ingenieurstudium 1974 eher widerwillig. Das änderte sich, als er Ende der Siebziger mit Architekten die „Sprosse 22“ entwickelte, ein äußerlich aufgelegtes Fake-Fensterkreuz, das es erlaubt, eine durchgehende Klimaverglasung mit stilvoller Sprossenoptik zu kombinieren. „Eine simple Idee, aber bahnbrechend“, erinnert sich Korn, der sich im Fenstergeschäft mit seiner Sprosse schnell nicht nur in Deutschland einen Namen machte, sondern auch in den USA, wo traditionelle Sprossenfenster noch weit verbreitet sind. Die Fenster aus Wedel wurden zur festen Größe in der Architektenszene weltweit. Korn eröffnete Dependancen in Marbella, Moskau, an der Côte d’Azur. Die Finanzkrise überlebte nur eine Vertretung in London.



Weiterlesen

Vorheriger Artikel